Gegen die "geistige Kolonialisierung"

(Artikel aus der Süddeutschen Zeitung, Ausgabe Freising, 6. April 2000)

Warum die Forstwissenschaftliche Fakultät im Internet auch Esperanto-Seiten bietet

"Leute, die Visionen über Veränderungen der Wissenschaft haben, sprechen Esperanto", sagt Hans-Dietrich Quednau, Professor für Biometrie und angewandte Informatik an der Forstwissenschaftlichen Fakultät der TU in Weihenstephan. Esperanto sei eine neutrale und leicht erlernbare Sprache, die er im wissenschaftlichen Austausch aktiv pflege. Deshalb hat Quednau auch eine Esperanto-Variante angelegt, als die Forstwissenschaftliche Fakultät Anfang der 90-er Jahre ihre Internet-Seiten einrichtete. So wird der Internet-Benutzer nicht nur auf Englisch und Deutsch begrüßt -- die Fakultät stellt sich auch in Esperanto vor. "Mit der Sprache werden auch Denkrichtungen transportiert", begründet Quednau, warum es wichtig sei, Esperanto gegenüber dem Englischen zu stärken. "Wenn nur Englisch gesprochen wird, kann dies zu einseitigen Denkweisen führen". Es drohe eine "geistige Kolonialisierung".

Esperanto als konstruierte Sprache habe den Vorteil, das[s] es andere lebende Sprachen nicht verdränge -- im Gegensatz zum Englischen. So drohe auch das Deutsche zum "folkloristischen Kuriosum" zu verkommen, weil das Englische immer stärker dominiere. Außerdem könne man Espera[n]to fünf Mal schneller lernen als die Sprache der Angelsachsen.

Quednau ist Mitglied der Internationalen Akademie der Wissenschaften, auf deren Studientagungen überwiegend Esperanto gesprochen werde. "Wissenschaftliche Arbeiten werden in Esperanto und einer anderen Sprache angefertigt und vor einem internationalen Gremium in Esperanto verteidigt", berichtet er.

Betrüblich nur, dass wenige Kollegen und Studenten sich von Quednaus Esperanto-Begeisterung anstecken lassen. "Ihnen fehlen die Visionen, die passen sich an den Mainstream an", meint er. Viele hätten sich mit Englisch im Wissenschaftsbetrieb bequem eingerichtet und meinten, es lohne sich nicht, eine Sprache zu lernen, die nur wenige sprechen. "Nur wenige bringen den Idealismus auf, die Kommunikationslandschaft für die zukünftigen Generationen zu ändern", bedauert der Professor ("www.forst-uni-muenchen.de["]).

Susanne Spahn

Wer Esperanto lernen will, kann sich an der Webseite der Forstwissenschaftlichen Fakultät üben.